Seiltrick in den Wipfeln

Im Netz: Verschiedene Seile sichern Baumpfleger Michael Barchall bei Schnittarbeiten in der Krone einer Eiche auf dem Rüsselsheimer Waldfriedhof.

Erfolgreicher Klettereinsatz: Ein hoch spezialisiertes Team von Baumpflegern hat im Baumbestand auf dem Rüsselsheimer Waldfriedhof die Trockenschäden des vergangenen Sommers beseitigt. Statt schweren Hubfahrzeugen setzen die Forstexperten dabei auf Seilklettertechnik.


Rüsselsheim, 25. Februar 2019. Ein scharfer Blick nach oben ins Gewirr der Äste und Zweige, dann wirft Michael Barchall mit lockerem Schwung ein buntes Säckchen mit Bleischrot in die Krone der Eiche. Beim zweiten Wurf ein Volltreffer: Der Beutel fällt über einen stabilen Ast, zieht seine dünne Wurfleine nach sich. An dieser befestigt der in Wales geborene Baumpfleger jetzt ein dickeres Seil und zieht es mit der Leine nach hoch oben in den Baum, bis es auf der anderen Seite wieder herunterkommt. „Daran laufe ich nachher nach oben“, sagt Barchall und prüft die Stabilität der beiden Seilstränge.

Der junge Mann mit Kletterhelm gehört zu einem Team von Baumpflegern, die in den vergangenen beiden Wochen die Trockenschäden im Baumbestand des parkähnlichen Rüsselsheimer Waldfriedhofs beseitigt haben. „Insgesamt waren es weit über 100 Maßnahmen“, erklärt Stefan Schäfer vom Städteservice Raunheim Rüsselsheim (STS). Der Umfang der Arbeiten reichte vom Fällen abgestorbener Kiefern bis zu Schnitt- und Sicherungsmaßnahmen von Kronen verschiedener Bäume. „Das Ziel bei allen Maßnahmen war es, die Wegesicherheit auf dem Friedhofsareal zu wahren“, sagt Jens Will, Vorstand des Städteservice Raunheim Rüsselsheim. 

Jedes einzelne der Vorhaben hatten die Fachleute der Grünpflege des STS genau geplant. „Grundlage dafür war die sorgfältige Prüfung des Baumbestands und die Dokumentation der Schäden des Hitzesommers 2018“, erläutert Michael Eggerding, Leiter Grünpflege des STS. Die betroffenen Bäume wurden durch kleine farbige Schildchen mit eindeutigem Code markiert. Die mit den Arbeiten beauftragte Spezialfirma aus dem Kreis Offenbach konnte so jeden Baum eindeutig und exakt den jeweiligen Maßnahmen zuordnen – so wie die Eiche, unter der sich Michael Barchall bereit macht für den Aufstieg in die Krone.

Mittlerweile hat er Geschirr und Werkzeuggürtel angelegt, prüft ein letztes Mal das stabile Seil und steigt in die Schlingen, die ihm als Steighilfe dienen. Schritt um Schritt, wie auf einer Leiter klettert er nun in Richtung Baumkrone empor. „Viele unsere Techniken stammen aus der Höhlenforschung“, erzählt der aus Irland stammende Vorarbeiter Maurice Sheehan. Im Unterschied zum Sportklettern, wo elastische Seile zum Sichern dienen, setzen die Baumkletterer feste Taue ein. Dabei gilt die Regel, dass ein Seil für den Aufstieg dient, vor dem Beginn der Arbeiten aber mit einem zweiten Seil gesichert wird. So spannt sich ein kleines Netz aus bunten Tauen zwischen den Ästen der Eiche, bevor Baumpfleger Barchall seine Säge zückt.

Wenige, präzise Schnitte, dann ist der Ast durchtrennt. Ein prüfender Blick, ein Warnruf, dann fällt das Schnittgut zu Boden. Das ist aber nur bei solchen leichten und dünnen Ästen möglich, erklärt Sheehan: Für Fällungen, oder wenn sehr dicke Äste abgeschnitten werden, kommen weitere Seile hinzu. An diesen werden die Holzstücke dann nach sicher zu Boden gelassen. Bei Bedarf spannen die Baumkletterer dazu auch Traversen mit Umlenkrollen zwischen verschiedenen Bäumen auf – das sieht dann aus wie eine kleine Seilbahn. „Auf einem Areal wie einem Friedhof ist dieses aufwendige Arbeiten aus Gründen der Sicherheit wichtig“, sagt Stefan Schäfer. Es sind also keine Seiltricks, die hoch über dem Boden im Waldfriedhof stattfinden, sondern präzise geplantes Handwerk.

Gut zehn Tage haben die Arbeiten auf dem Waldfriedhof gedauert. Die Friedhofsbesucher haben davon oft gar nichts mitbekommen. Denn die Experten arbeiten ohne große und schwere Hubfahrzeuge, manchmal sind sie hoch oben in den Bäumen kaum wahrzunehmen. Der Umfang der dringend notwendigen Arbeiten war jedoch erheblich: „Sechs große Container mit Baumschnitt und Holz haben wir abtransportiert“, fasst Maurice Sheehan das Volumen der Schnitt-, Sicherungs- und Fällungsarbeiten zusammen.